„Altsein ist keine Krankheit“

Veröffentlicht am 05.01.2021 in Presse im Wahlkreis

In  der Rhein-Neckar-Zeitung vom 05.01.2021 findet man einen Gastbeitrag des früheren SPD-Chefs Franz Müntefering über das Leben Älterer in Corona-Zeiten. Dr. Dorothee Schlegel findet ihn "wirklich lesenwert" und möchte ihn auch hier bereitstellen:

„Altsein ist keine Krankheit“

Das Thema ist nicht neu. Mit Beginn der Pandemie erhielt es aber eine markante Konkretisierung: Pflegebedürftige, Bewohnerinnen und Bewohner von Altenheimen und sonstigen Pflegeeinrichtungen wurden als „vulnerable (verwundbare) Risikogruppe“ unter besonderen Schutz gestellt. Ergänzend hat man nun die über 80-jährigen generell in diese Kategorie einbezogen. Die Prioritätenliste fürs Impfen ist plausibel. Der besondere Schutz dieser Gruppe ist wichtig. Hier soll es um das generelle Altersbild gehen, das mit diesen Zuordnungen markiert wurde. Um die Frage, ob dieses Bild so stimmig ist und komplett.

Einige Zahlen: Rund 17 Millionen Menschen in Deutschland sind 65 Jahre plus, rund 20 Prozent der 83 Millionen Gesamtbevölkerung. 5,5 Millionen sind 8 0 Jahre und älter. Mit demografischer Entwicklung und dem Anstieg der individuellen Lebenserwartung steigen die Zahlen derer im Rentenalter und der über 80-jährigen deutlich an.

Etwa 20 Prozent der 17 Millionen sind pflegebedürftig nach Sozialgesetzbuch XI. Dreiviertel von ihnen leben zuhause. Das vierte Viertel lebt dauerhaft in Altenheimen und Pflegeeinrichtungen.

Alles in allem: Die Älteren, die Alten und die Hochbetagten zwischen 65 und 100 plus, sind eine bunte Truppe, mehrere Generationen. Zwischen 1920 und 1955 geboren. Die allermeisten von ihnen werden relativ gesund alt und leben lange Zeit autark. Der Anteil dieser Alterskohorte an der Gesamtbevölkerung und am aktiven Leben ist größer als je zuvor. Sie helfen und lassen sich helfen, mischen sich ein, wirken mit, setzen auf Selbstbestimmung und Mitverantwortung. In Sachen Corona verhalten sie sich verlässlich pragmatisch und versuchen Infektionen zu vermeiden und andere nicht zu gefährden.

Jetzt hoffen sie aufs Impfen. Nicht wie auf ein Wunder. Sie wissen, dass das Impfen eine der größten medizinischen Errungenschaften der Menschheit ist und wesentlich für ihren Bestand. Pest und Cholera. Pocken, Masern, Malaria, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung, HIV. Alles nicht nur, aber doch entscheidend eingedämmt dank der Impfstoffe.

Irgendwann stirbt man dennoch. Aber die ballistische Kurve des Lebens hat Varianten, verläuft früher oder später, flacher oder steiler. Einfluss darauf gibt es, aber begrenzt. Gegen Demenz - die große Sorge vieler - ist bisher kein wirksames Mittel gefunden. Aber auch wenn im hohem Alter Demenz ein Risiko bleibt, trifft, es auch hier nicht die überwiegende Mehrheit. Also Mut.

Die Alten als Gruppe der Vorerkrankten? Was soll daran überraschend sein? Und dass sie weniger fit sind als mit 30 oder 50 - wen wundert das wirklich? Die individuelle Lebenskraft ist jeweils weitgehend alterstypisch. Sie variiert also und hat individuelle Komponenten. Das Senioritätsprinzip, das alle Vorteile und Rechte bei den Älteren vermutet, erweist sich als fragwürdig. Die pauschale Kategorisierung von Pflegebedürftigen oder über 80-jährigen allerdings auch. Mit dem Einzug in ein Heim zum Beispiel erlischt nicht nur das Recht auf Selbstbestimmung. Das ist eindeutig, aber zugegeben, nur die eine Seite.

Die andere Seite: Die Situation in einem Heim verlangt faktisch, die Bewohnerinnen und Bewohner konsequent vor Infektionen zu schützen. Die Wahrheit ist wohl, die meisten unserer Heime sind für Ereignisse wie diese Pandemie nicht wirklich geeignet. Räumlich nicht, in alltäglichen Abläufen, in der Dramatik der Betroffenheit nicht, in personeller Ausstattung nicht. Der große Respekt vor dem Einsatz der Pflegekräfte und aller Beteiligter wird nicht gemindert, wenn der Fakt überwiegend unzureichender Gesamtstruktur nicht verschwiegen wird.

Dies Stand Ende 2020. Wie geht es weiter? Die Zahl derer im Rentenalter steigt. Steigt auch das Pflegeintrittsalter? Die Chance auf Pflege zuhause sinkt, angesichts geringerer Kinderzahlen und unterschiedlicher Wohnorte. Aber wichtig: Immer mehr Paare werden miteinander alt und übernehmen untereinander Pflegearbeit. „Die Älteren, die Alten und die Hochbetagten zwischen 65 und 100 plus, sind eine bunte Truppe“, sagt Franz Müntefering. 75- jährige pflegen 80-jährige. Allerdings: Die Hinterbliebenen finden sich hinterher nicht selten einsam wieder. Die Ketten sozialer Kontakte sind zu oft brüchig. Dabei ist das Leben bunt und vielfältig. Die älteren Kohorten sind oft nicht das Problem, sondern auch Lösung und solidarischer Teil der Gesellschaft.

Altsein ist keine Krankheit. Altersbilder müssen realistisch sein und lebenspraktisch. Man darf sich das Leben auch Im Ältersein plus als eine gute Zeit vorstellen. Es gibt Erfahrungen und Einsicht und Unterstützung. Aber es gibt doch auch Lücken. Im Bewusstsein und in der Lebenspraxis. Das alles heißt ausdrücklich nicht, dass eine spezielle Kategorie „Ältere Alte“ angestrebt und modelliert werden soll. Die „Grauen Panther“ waren ein Irrtum, total. Aber dass es diese große und wachsende Altersgruppe gibt, und dass sie Teilhabe und Teilnahme an der Lebensqualität der Gesamtgesellschaft vollumfänglich in Anspruch nehmen mag, das sollte erkannt und akzeptiert sein.

Die Corona-Pandemie wird an ihr Ende kommen, hoffentlich bald. 2020 darf nicht abgehakt und als drastische Erinnerung einbalsamiert werden, sondern es muss ein Bemühen um größere Klarheit zur Thematik Älter- und Altsein in dieser und der kommenden Zeit geben. Dabei gilt: Das Leben will und soll gelebt werden, soll nicht eine dauernde Präventionsidee sein auf einem möglichst guten Abschluss hin. Es geht um Lebensqualität lebenslang. Das verbindet auch die Generationen, alle, absolut. Und eine gute Balance versuchen zwischen einem guten Leben heute und einem gut vorbereiten Leben morgen und übermorgen - das ist kein Widerspruch.

Der Staat, die Gesellschaft und wir als Individuen haben Einfluss darauf. Die Kommunen müssen dabei Strukturen aufbauen und weiterentwickeln können, die dem akuten Bedarf guter Senioren-Politik entsprechen. Sie müssen gestaltende Funktion haben über das Verhalten hinaus. Die Älteren und Alten sind lokal-bezogener, weniger weitläufig mobil als die Jüngeren. Sie sind auf das gute Miteinander vor Ort angewiesen. Lokale Medien spielen dabei eine wichtige Rolle, die Angebote der digitalen Welt zunehmend auch.

In der Corona-Zeit hat sich Solidarität in vielfacher Weise gezeigt und bewährt, auch wenn sie gelegentlich übertönt wurde von besorgtem oder makabrem Protest. Für uns über 65-jährige ist unsere persönliche Zeit unser großes Kapital, das wir einsetzen können. Viele tun das ja auch schon. Die Liebe zum Leben hat nicht jede Stunde bei allen die Überhand, aber meistens doch. Sie ist stark. Und sie lässt sich nicht beeindrucken von der Wurstigkeit, mit der manche Leugner und Protestier die Corona-Gefahren ignorieren und so verstärken. Es ist nicht egal, ob wir leben und wie. Es liegt auch an uns selbst. Zuversicht ist erlaubt.

Bereitschaft zu Selbstbestimmung und Mitverantwortung gibt es.